Dienstag, 1. Januar 2008

Gehen und Stehen

Die moderne Christenheit hat das schönste Wort für die Nachfolge Jesu Christi vergessen, so der ehemalige Dominikanermönch Hans Konrad Zander in seinem Buch über die ersten christlichen Eremiten, die ägyptischen Wüstenväter des dritten und vierten Jahrhunderts.
„Es heißt »xeniteia«, auf deutsch »Fremdsein«, »Heimatlosigkeit«. Nur Heinrich Böll hat einmal, eher beiläufig, gesagt, ein religiöser Mensch sei daran zu erkennen, daß er sich in dieser Welt nie ganz daheim fühlt.“1
Sich nie ganz daheim fühlen, das muss nicht unbedingt heißen, die Betreffenden würden ihr irdisches Leben lieber gleich gegen das Himmelreich eintauschen. Es weist jedoch darauf hin, dass ernsthaft religiöse Menschen zu denen gehören, die auf der Suche nach etwas sind, das sich aus dem materiellen Leben nicht unmittelbar erschließt.

Diese Suche muss nicht unbedingt religiöse Formen annehmen, sie kommt zum Tragen etwa auch in so gegensätzlichen Phänomenen wie Kunst und Sucht. Jede wirkliche Religiosität aber ist Suche, Gottsuche, Suche nach Wahrheit und Suche nach dem Licht, wie es der Mystiker wohl formulieren würde. Es ist das Bedürfnis nach Ganzheit, nach der Harmonie und dem eins werden mit Natur, Kosmos, Mitmenschen, nach der großen Liebe. Das bedeutet oft innere Unruhe, Unrast, Getrieben-Sein, Sehn-Sucht. Diejenigen indes, die in der Lage sind, der Dimension des Transzendenten näher zu kommen, beziehen daraus scheinbar eine immense psychische Kraft sowie Standfestigkeit und Glück in einem Maße, wie es nur wenige erleben: „»Askesis« heißt »Training«: Und es ist oft gesagt worden, daß sie, wie alles Training, am Anfang schwerfällt, zum Schluß leicht. Je öfter Simeon sich auf seiner Säule im vierzigtägigen Fasten trainierte, desto leichter fiel es ihm. Bis er sich endlich fähig fühlte zu einer allerhöchsten Steigerung. Den Pfosten, an dem er festgebunden worden war, ließ er wieder hinunterseilen, stellte sich vor der staunenden Welt auf seiner Säule unangebunden hin und kündigte an, er werde sich die ganze Fastenzeit weder setzen noch legen. So stand der alte Simeon vierzig Tage lang in Wind und Wetter, ohne Speise, ohne Trank, unbewegt zum Himmel schauend.“2

1 Hans Conrad Zander: Als die Religion noch nicht langweilig war. Die Geschichte der Wüstenväter. Köln 2004.S. 82

2 ebenda. S. 219

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen