Mittwoch, 2. Januar 2008

Natur pur?

Es hat in der Nacht geschneit. Jetzt nach dem Sonnenaufgang steigen die Temperaturen knapp auf den Gefrierpunkt und bringen die weiße Pracht schon fast wieder zum Schmelzen. Für den 10 Monate alten Australian Shepherd Rüden Satchmo ist es der erste Schnee in seinem Leben. Vorsichtig nähert er sich dem noch unbekannten Element, versucht erst einmal drum herum zu tapsen, schnuppert, schleckt und traut sich dann langsam auch mit den Pfoten drauf. Später, während des Spaziergangs außerhalb der Stadt, bereitet es ihm sichtliches Vergnügen, sich darin herum zu wälzen. Laut Wetterbericht wird es in einigen Tagen bereits tauen. Schnee ist eher selten geworden. Sehr häufig wird Satchmo daher wohl in den kommenden Jahren nicht darin herumtollen können. Das Klima – also die durchschnittlichen Wetterzustände an einem bestimmten Ort – ändert sich. Es wird wärmer.

Menschen wärmen durch die von ihnen verursachten Kohlendioxidemissionen die Erdatmosphäre auf und erzeugen dadurch einen Treibhauseffekt, lautet die bekannteste Erklärung dafür. Einige Wissenschaftler halten dem entgegen, dass der vom Menschen verursachte Ausstoß dieses Gases nur einen Bruchteil dessen ausmache, was insgesamt an Emissionen anfällt. Fast 99 Prozent davon hätten also natürliche Ursachen. Wer Recht hat, lässt sich von Laien kaum beurteilen. Für die hausgemachte Erklärung sprechen indes die geschichtliche Indizien. Seit sich die sogenannte freie Markwirtschaft, früher sprach man auch von Kapitalismus, auf der Welt durchgesetzt hat, sind die natürlichen Ressourcen zu Waren geworden, die sich durch Aushebung und Bearbeitung in einen Wirtschaftskreislauf einspeisen lassen, dessen primäres Ziel es ist, Profit zu erwirtschaften, also aus dem in diesem Prozess eingesetzten Geld mehr Geld zu machen, und zwar um des Geldes, respektive Profits Willen. Dies hat die Welt in einem Ausmaß und in einem Tempo verändert, wie kaum ein geschichtliches Ereignis zuvor. Karl Marx und Friedrich Engels haben es einmal sehr eindrucksvoll so formuliert: Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose "bare Zahlung". Sie hat die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritter- Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt. Sie hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten die eine gewissenlose Handelsfreiheit gesetzt. Sie hat, mit einem Wort, an die Stelle der mit religiösen und politischen Illusionen verhüllten Ausbeutung die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung gesetzt.

Lassen wir das mit den "religiösen Illusionen" an dieser Stelle einmal großzügig auf sich beruhen. Fakt ist: Auch die Erhaltung einer lebenswerten Umwelt tritt allemal hinter die „dürre Ausbeutung“ zurück. Dagegen haben die dicksten Stämme keine Chance. Ein großer Teil des Regenwaldes wurde abgeholzt und steht als Mobiliar in vornehmlich europäischen Wohnungen herum, die Meere sind weitgehend leergefischt und viele Tier- und Pflanzenarten unwiederbringlich dahin. Insofern hat sich – und das wissen die meisten Menschen intuitiv – der Kapitalismus selbst zum Hauptverdächtigen des Klimawandels gemacht. Und in diesem Fall sollte ausnahmsweise einmal nicht der Grundsatz gelten, im Zweifel für den Angeklagten.

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