Mittwoch, 4. August 2010

Linke Politik – linke Theorie

Blick zurück. Ein Diskussionsbeitrag aus dem Jahr 2003.
Ein bedeutsames Manko linker Politik läge darin, so wurde gesagt, dass ihr das Subjekt fehle, auf welches sie sich beziehen könne. Nun muss das verlorengegangene politische Subjekt in der Geschichte der Linken spätestens seit Lenin im Plural gedacht werden. Hier gesellten sich neben die „Arbeiterklasse“ die unterdrückten „Völker“, welche die erstere im politischen Diskurs der Stadtguerilla zeitweilig ganz ablösten. Neben den empirisch unzweifelhaft feststellbaren Sachverhalten, dass es eine lohnabhängige und fabrikarbeitende gesellschaftliche Schicht sowie eine Vielzahl von Ländern und in ihnen Menschen gab, die im Kontext ökonomischer arbeitsteiliger Strukturen unter Ungleichheitsverhältnissen und sozialem Elend litten, so wurden diese Gruppen von Menschen doch erst in theoretischen Analysen zu Subjekten konstituiert. Es sei dahingestellt, ob diese Analysen richtig oder falsch waren, ein politisches Subjekt jedoch entstand erst im Rahmen struktureller Zusammenhangsannahmen, die wir, wenn sie eine gewisse Kohärenz aufweisen, auch als Theorie bezeichnen können.
Hinsichtlich der Möglichkeiten linker Politik stellt sich nun zunächst die Frage, ob sich ihre Bedingen verbessern würden, wenn es ein neues politisches Subjekt gäbe? Diese Frage lässt sich hier nicht beantworten. Das Fehlen eines politischen Subjekts bzw. der Diskussion darum verweist jedoch auf einen Mangel an Theorie. Unabdingbar ist m.E. die Erarbeitung und Diskussion von strukturellen Zusammenhangsannahmen, auf die sich linke Politik beziehen soll und kann. Wir brauchen daher die theoretische Analyse und Diskussion über die wesentlichen Strukturprobleme, die als solche wiederum die zu beobachtenden Phänomene, wie eine auf hohem Niveau stagnierende Arbeitslosigkeit, eine wachsende und im Weltmaßstab grausame soziale Ungerechtigkeit, ethnische Kriege an der Peripherie und ethnische Spannungen zwischen Zuwanderergruppen und Angestammten in den Zentren, ökologische Katastrophen etc. hervorbringen. Dazu nur eine kurze Anregung!
Hannah Arendt stellt in ihrem 1960 in Deutschland erschienen Werk, „Vita Activa oder Vom tätigen Leben“ fest, dass die Neuzeit im siebzehnten Jahrhundert damit begonnen hat, theoretisch die Arbeit zu verherrlichen und die Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Ganzes in eine Arbeitsgesellschaft verwandelt hat. Hannah Arendt antizipiert bereits 1960 die Auswirkungen technologischer Innovationen und daraus hervorgehender gesellschaftlich-sozialer Umbrüche, wie sie die „Dritte Industrielle Revolution“ und mit ihr die Automatisierung der industriellen Produktion hervorgebracht hat. Es scheint, so Arendt, als würde durch den technischen Fortschritt das verwirklicht, wovon alle Generationen in der Menschheitsgeschichte nur träumten, ein von Arbeit befreites Leben. Aber, schreibt Arendt weiter, „dieser Schein trügt. Die Erfüllung des uralten Traums trifft wie in der Erfüllung von Märchenwünschen auf eine Konstellation, in der der erträumte Segen sich als Fluch auswirkt. Denn es ist ja eine Arbeitsgesellschaft, die von den Fesseln der Arbeit befreit werden soll, und diese Gesellschaft kennt kaum noch vom Hörensagen die höheren und sinnvollen Tätigkeiten, um deretwillen die Befreiung sich lohnen würde. (...) Was uns bevorsteht ist die Aussicht auf eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist, also die einzige Tätigkeit, auf die sie sich noch versteht. Was könnte verhängnisvoller sein?“ (Arendt, 1960, S. 11-12) Halten wir diesen Hinweis, den Arendt im Jahr 1960 gegeben hat, für relevant, dann stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, ob die Verhängnisse und Verheerungen, die sich im Sozialen und Ökonomischen beobachten lassen, wirklich den Widersprüchen einer Arbeitsgesellschaft geschuldet sind, welcher die Arbeit ausgeht? In der Tat ist innerhalb der industriellen Warenproduktion die menschliche industrielle Arbeit substanziell durch automatisierte Fertigung abgelöst worden. Einen industriellen Arbeitsplatz zu besitzen, ist heute ein Privileg. Damit hat auch die gesellschaftliche Arbeitszeit insgesamt eklatant abgenommen. Die damit einhergehende Umverteilung der Arbeit weist jedoch keinen horizontalen, sondern einen vertikalen Charakter auf. Darüber hinaus rangiert die Arbeit mehr den je auf Platz eins der gesellschaftlichen Werteskala. Selbst seitens der verbliebenen Teile der traditionellen Linken steht der Ruf nach neuen Arbeitsplätzen ganz oben auf dem Forderungskatalog. Jagt man hier einer Chimäre nach? Was überhaupt ist Arbeit? Ist Arbeit eine anthropologische Notwendigkeit, die spezifisch menschliche und damit gesellschaftliche Form des Stoffwechselprozesses zwischen Mensch und Natur? Oder ist sie, wie Robert Kurz meint, in ihrer historischen Gestalt „(...) nichts weiter als die abstrakte betriebswirtschaftliche Vernutzung von menschlicher Arbeitskraft und Naturstoffen“?
Wie auch immer sich dieser Streit entscheiden lässt, unter dem Aspekt der Lohnarbeit betrachtet dominiert jene Struktureigenschaft, folgen wir Marx, durch welche mittels Verausgabung von Muskelkraft und intellektuellem Planungsvermögen abstrakte Werte in Form eines Warenäquivalents, des Geldes, hervorgebracht werden. Dies ist der Zweck und schließlich auch die Notwendigkeit kapitalistischen Produzierens und mithin der (Lohn)Arbeit. Insofern aber eben diese Produktionsweise die menschliche Arbeit als solche sukzessive überflüssig macht, andererseits jedoch das System der Arbeit als Bedingung und Rechtfertigung ihres Fortbestehens weiterhin erhalten muss, wird Arbeit zu einer ideologischen Kategorie und gleichsam zur Ursache von Verelendung und „sozialer Ungerechtigkeit“ selbst.
Wenn es richtig ist, dass die „Dritte Industrielle Revolution“ die Fähigkeit des Kapitals zur „Reabsorption wegrationalisierter Arbeit irreversibel“ zunichte macht, die kapitalistische Wirtschaftsweise durch das Verschwinden der Arbeit einen zunehmend virtuellen Charakter erhält und immer mehr Nichtarbeitende bei gleichzeitiger Fetischisierung der Arbeit in sozialer, ökonomischer und moralischer Hinsicht an den gesellschaftlichen Rand geraten, (Kurz, 1999, S. 15), wie Robert Kurz schreibt, so könnte aus den sozioökonomischen Folgen ein gesellschaftlicher Sprengsatz entstehen, der zu einer ideologieförmigen Entladung drängt. Dort, wo die wirkliche Verwertbarkeit an ihre Grenzen stößt, droht die Gefahr, dass ihre Verteidigung in ideologischen Formen zu einer Anreicherung des Sozialen mit den Implikationen des kapitalistischen Verwertungsprozesses führt und die Wertigkeit schließlich zu einer sozialen Kategorie selbst wird. Unter solchen Bedingungen ist Rassismus virulent. Es könnte also sein, dass sich die Möglichkeiten und Bedingungen linker Politik ganz wesentlich um den Schnittpunkt von Antirassismus und Kritik der Arbeit gruppieren (müssen). Darüber sollte geredet werden!

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